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Ein fortlaufendes Drama (NZZ am Sonntag, 12.12.04)

An Volksläufen findet der Mann zu seiner ursprünglichen Bestimmung: Er rangelt, spuckt, stösst und jagt. Von den bewegendsten Momenten eines Joggerlebens. Von Urs Rauber

„Hoi Bruno! Bisch zwäg?“ „Hesch d’Theres gsee? Sie isch au da.“ Tausendfache Begrüssung. Man erkennt sich an den langen Sporttaschen, den Rucksäcken mit dem Logo der Bank, die Volksläufe sponsert. Es sind vor allem Männer zwischen 40 und 45, mit kurzem Schopf. Auch einige Frauen laufen mit, doch zu 72 Prozent ist Joggen Männersache. In der Männergarderobe dann der erste Dichtestress. Der Kampf um einen halben Quadratmeter Platz. Schweigend wird das Revier abgesteckt. Einige reden ohne Unterbruch: der lange Blonde etwa mit den über die Glatze gezogenen Strähnen im roten Trainer. Ihn treffen wir an jedem Lauf – er gehört zu jenen, die einen in Beschlag nehmen, vom letzten Samstag erzählen, vom Wadenkrampf und anderen aufregenden Ereignissen. Und natürlich die Frage, was man bei diesem Sauwetter anziehen solle: „Weisch, die Japaneri da, wo de Marathon gunne hätt, die hätt obe churz gha und Häntsche träit.“ Oft gehörte Worte in diesem Raum sind auch „Streckenprofil“, „Höhendifferenz“, „huere gächen Aastieg“ sowie der Klassiker: „Du, ich la mich nöd la stresse.“ Die Logorrhö der Amateursportler.

Dul-X und Arnika

Das T-shirt zurechtlegen, die Startnummer anheften, Waden und Oberschenkel einreiben. Dazu die Brustwarzen und die heikle Zone zwischen den Beinen, wo den Mann beim langen Lauf der Wolf zwickt. Dul-X und Arnika-Gerüche liegen in der Luft. Vor dem WC bildet sich eine Schlange. Bei den Frauen ist sie länger. So hat es halt die Natur eingerichtet, da zeigt kein Jogger Mitleid. Pressiert’s bei ihm, stellt er sich hinter einen Busch. Wo Männer laufen, hinterlassen sie Spuren. Auch das ist Natur, seit der Homo sapiens virilis aufrecht gehen kann. Einlaufen. Stretchen. Hinter der Startlinie anstehen. Die Frauen palavern über Kinder und Beziehung, die Männer über die Ziehung im Knie. Das ausgelassene Geschnatter erstirbt – kurz vor dem Startschuss. Dann rennt der Jogger los, spürt immer noch die körperliche Nähe. Anderthalb Kilometer wird gestossen, gespuckt und von hinten gedrängelt. Der Kampf der Mannes gegen sich und alle anderen hat begonnen. Erste Aggressionen bauen sich auf. Den mach ich fertig, der mich an der engen Stelle so knapp überholt hat. Wart nur bis zum nächsten Anstieg! Dann zittert die Erde: Von hinten nähert sich, keuchend und mit schwerem Tritt, „the steam machine“ – auch er bei jedem Lauf dabei. Ein Volkslauf ist natürlich mehr als Zeitvertreib. Es geht um den Lauf des Mannes zu sich selbst, wie unser Joschka treffend schrieb. Die samstäglich wechselnde Zwecksgemeinschaft schwitzender Männer übt sich zwar in Verbundenheit – davor und danach. Nicht aber beim zentralen Teil, beim Lauf selbst. Da leidet jeder für sich. Auch wenn die Zuschauer an der Strecke noch so unentwegt „Hopp zäme!“ rufen. Oder „Allez hopp!“ wie im Welschland. Wahrhaftig sind da nur die Berner, die jeden persönlich mit einem „Dasch tipptopp!“ anfeuern. Wieder hockt einer im Nacken. Was tun? Eine kurze Tempoverschärfung einlegen? Doch die Zermürbungstaktik kann in die Hose gehen, wenn der hinten den längeren Schnauf hat. Klassisch in diesem Zusammenhang ist das ostentative Armlockern bei gleichzeitigem Überholen des Vordermanns. Es signalisiert: Ich bin sooo entspannt! Verfüge über unendliche Reserven! Laufende Männer schöpfen aus einem ganzen Arsenal von Kampfritualen und Plustergesten. Dafür wird schliesslich die ganze Woche trainiert: am Arbeitsplatz, auf dem Beziehungsmarkt, am Stammtisch. Im läufigen Mann rekonstruiert sich der steinzeitliche Jäger, nomadisierend und bewehrt. Der Läuferin gegenüber entwickelt der Läufer ein anderes Muster. Hinter einer Läuferin kann er auch gut Zweiter sein und sogar ein bisschen Zeit verlieren. So lange jedenfalls, als er sich laufend mit der weiblichen Anatomie befasst und mit den Anmutungen weiblicher Sportbekleidung. Da kann es gar passieren, dass der Runner unbewusst seine Schritte verkürzt. Ein anderer, noch stärkerer Trieb verdrängt dann kurzzeitig den sportlichen Ehrgeiz.

Der unfertige Mann

Irgendwann versetzt das Laufen den Mann dann in einen anderen Zustand. Die durch regelmässige Hüpfbewegungen ausgeschütteten Endorphine erzeugen Euphorie. Körper, Geist und Lustgewinn schaukeln im harmonischen Dreiklang. Leider hält dieses Wohlbefinden nicht ewig. Fünfzig Minuten oder anderthalb Stunden ist er unterwegs, als der letzte grosse Anstieg das Leiden und Kämpfen wieder in den Vordergrund rückt. Endlich kommt, in 200 Meter Entfernung, das Ziel in Sicht. Plötzlicher Applaus kurz vor dem Ende: „Hopp Urs, zieh, zieh!“ Ein warmes Gefühl durchströmt den Körper. Jeder ein kleiner Viktor Röthlin! Doch die Illusion währt nur kurz. Niemand kennt ihr hier; ein weitsichtiger Zuschauet hat bloss seinen Vornamen auf der Startnummer entziffert und ihn freundlicherweise aufgeheitert. Jetzt vielleicht - mit letzter Kraft - noch einen überholen? Nein! Ihm wird die Ankunft vermiest, als sich ein rücksichtsloser Konkurrent, den er längst hinter sich glaubte, im allerletzten Moment vor ihm in die Zielkolonne quetscht. Erschöpftes Ausatmen, trinken, Schulterklopfen. Jetzt geben sich die Kampfhähne die Hände. „Gratuliere! Isch guet gange?“ „Bi zfride – und dier?“ „Momoll“, sagt der kleine, schmal gebaute Schwarzhaarige. Ein bescheidener Champion, der immer schon beim Dehnen ist,. wenn das Gros erst im Ziel eintrifft. Nun wird verglichen, mit den Kollegen, mit den Vorjahreszeiten. Fast alle sind sie nun wieder solidarisch. Nur die Ehrgeizigen haben wortreiche Erklärungen dafür, warum es „mir diesmal nicht gut gelaufen ist“. Unter der Dusche dann, wenn der Läufer sich und seinen Leib bearbeitet, entdeckt er eine Bauchfalte, die besser nicht wäre. Doch das stille Glück überwiegt, verbunden mit der Vorfreude auf die Bratwurst und die Stange. Seltsam desorientiert wirken jetzt all die nackten tropfenden Gestalten, die während der Woche als Projektleiter und Personalchefs zackig Ihre Rollen spielen. Minutenlang mit sich beschäftigt, tasten sie sich ohne Brille und Linsen zu ihren Kleidern vor, nur darauf bedacht, mit niemandem zusammenzustossen. In solchen Momenten sind Männer hilfsbedürftige und unfertige Wesen, denen ihre Frauen - könnten sie sie jetzt sehen - auf der Stelle alles verzeihen würden. Denn so friedlich wie jetzt sind sie selten. Deshalb müssen Männer laufen.